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15. November 2011

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat den "Best Paper Award 2011" - eine Auszeichnung für die beste Publikation veröffentlicht in einer internationalen wissenschaftlichen Zeitschrift - an Dr. Wolfgang Dungel vom Institut für Hochenergiephysik verliehen.

Diese Auszeichnung erhielt Dr. Dungel für seine in Physical Review D publizierte Messung des Cabibbo-Kobayashi-Maskawa Matrixelementes |Vcb| beim japanischen Belle-Experiment zuerkannt. Ziel der Untersuchungen des Belle-Experiment ist es, Unterschiede zwischen Materie und Antimaterie zu verstehen. Dieses Matrixelement |Vcb| ist ein wichtiger Parameter, der wesentlich zum heutigen theoretischen Verständnis beiträgt.

Das Belle-Experiment ist Teil der KEK-B Beschleunigeranlage in Tsukuba, Japan. Dieser Teilchenbeschleuniger bringt Elektronen und Positronen zur Kollision und ist darauf spezialisiert, sogenannte B- und Anti B-Mesonen zu erzeugen. Belle sucht mit solchen Präzisionsmessungen nach Physik jenseits des Standard-Modells. Für diese Untersuchungen spielt der von Dr. Dungel gemessene Parameter |Vcb| eine sehr wichtige Rolle.

Das Standard-Modell beschreibt die Prozesse der Teilchenphysik bis zu einer Energieskala von einigen hundert Gigaelektronvolt (GeV). Vor allem aus der Kosmologie kommen aber Hinweise, dass das Standard-Modell bei darüber hinausgehenden Energien nicht vollständig sein kann: Das Standard-Modell enthält keinen Kandidaten für die sogenannte "Dunkle Materie", die im Universum fünfmal häufiger ist als die uns bekannten Materieteilchen.

Das Universum besteht heute ausschließlich aus Materie, während beim Urknall gleiche Mengen an Materie und Anti-Materie entstanden sein müssten. Der russische Physiker Andrei Sakharov hat bereits in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts erkannt, dass eine fundamentale Symmetrie, die sogenannte CP-Symmetrie, verletzt sein muss, um  diesen Materieüberschuss zu erklären. Diese CP-Symmetrie ist im Standard-Modell zwar verletzt, allerdings reicht dieser Effekt bei weitem nicht aus, um den heutigen Materie-Überschuss im Universum zu erklären.

Aus diesen Gründen wurden zahlreiche Erweiterungen des Standard-Modells vorgeschlagen, von denen z.B. die Supersymmetrie eines der bekannteren Modelle ist. Das Ziel des LHC-Programmes am CERN ist es, durch direkte Suchen bei den höchsten Energien die neuen, schweren Teilchen zu finden, die in diesen Erweiterungen vorhergesagt werden.

LHC ist aber bei weitem nicht die einzige Maschine, die nach neuer Physik sucht: Eine Reihe von Experimenten bei niederer Energie aber höchster Präzision sucht nach Zerfällen, die im Standard-Modell eigentlich verboten sein sollten oder misst Größen, die im Standard-Modell mit extremer Präzision berechnet werden können. Jedes Signal bzw. jede auch noch so kleine Abweichung von der Standard-Modell-Vorhersage wäre ein Hinweis auf Physik jenseits des Standard-Modells und kann im Rahmen von verschiedenen Erweiterungsmodellen interpretiert werden.

Belle sucht mit Präzisionsmessungen von B-Meson- and τ-Leptonzerfällen nach Physik jenseits des Standard-Modells. Vor allem die Untersuchung der CP-Verletzung in B-Zerfällen ist eine sehr vielversprechende Forschungsrichtung, da sämtliche CP-verletzende Phänomene im Standard-Modell durch einen einzigen Parameter beschrieben werden. Jede Abweichung von Voraussagen des Standard-Modells wäre ein Hinweis auf neue Physik.

Herrn Dr. Dungel ist es gelungen, die genaueste Messung dieses Parameters |Vcb| durchzuführen und damit die CP-Verletzung im Standard Modell einem neuen Präzisionstest zu unterwerfen. Es war dies ein weiterer Schritt in Richtung "Suche nach neuer Physik". Der "Best Paper Award" würdigt diese Leistung. Diese Messungen werden beim Nachfolge-Experiment Belle II fortgesetzt, das ab dem Jahr 2014 den Datensatz verfünfzigfachen wird. Ziel ist es, durch Präzisionsmessungen neue Physik in Energiebereichen zu suchen, die mit den gegenwärtigen Hochenergie-Experimenten noch nicht möglich sind.

31. Oktober 2011

Akkumulierte Datenmenge des CMS Experiments im Jahr 2011

Nach etwa 180 Tagen Laufzeit und vier hundert Billionen Proton-Proton Kollisionen, wurde am 30. Oktober 2011 um 17:15 Ortszeit, der aktuelle Run des LHC beendet. Im zweiten Jahr in Betrieb hat das LHC Team die Kollisionsrate für alle Experimente kontinuierlich erhöht und die operativen Vorgaben übertroffen.

"Am Ende des diesjährigen Proton Runs erreicht der LHC volle Fahrt" sagte Steve Myers, Direktor für Beschleuniger und Technologie, "um den Kontext herzustellen: Die momentane Datenrate ist vier Millionen mal höher als beim ersten Lauf und dreissig mal höher als zu Beginn 2011".

Anfang 2011 war das Ziel eine Datenmenge von einem "inversen Femtobarn" in den folgenden zehn Monaten zu liefern. Das entspricht etwa 80 Billionen Kollisionen von denen der interessanteste Teil aufgezeichnet wird. Schon am 17. Juni wurde es erreicht und damit konnten alle vier Experimente rechtzeitig zu den Sommerkonferenzen neue Resultate in vielen Bereichen der Hochenergiephysik liefern. Das neue Ziel von fünf inversen Femtobarn wurde am 18. Oktober erreicht und eröffnet die Möglichkeit weiter ins Unbekannte vorzustossen: Neue Ergebnisse betreffend etwa das Higgs-Boson oder Supersymmetrie sind in Arbeit.

Die wichtigsten Physik-Highlights aus den diesjährigen Daten beinhalten sowohl neue Grenzen für Modelle mit Supersymmetrie und für das langgesuchte Higgs-Boson als auch präzise Tests des Standardmodells und unseres Verständnisses des frühen Universums.

2011 war ein aufregendes Jahr für den ganzen LHC  und insbesondere für die Studenten und Post-Docs aus der ganzen Welt. Nach jahrzentelanger Vorbereitung wurden erstmals in grosser Menge Daten genommen mit denen HEPHY unter anderem neue Grenzen für Supersymmetrische Modelle gemessen hat und an einem verbesserten Verständnis der Produktion schwerer Quarks gearbeitet hat.

Der LHC schaltet nun um auf Kollisionen von Schwerionen um im Jahr 2012 wieder mit Proton-Proton Physik zu beginnen. Für das kommende Jahr sind somit die besten Voraussetzungen für große Entdeckungen gegeben.

14. Oktober 2011

Wiener Wissenschafts - und Technologiefonds beim CMS Experiment

Österreichische VIPs besuchten den CERN: eine Delegation des Wiener Wissenschafts- und Technologiefonds sowie Vertreter aus Politik und Wirtschaft verbrachten einen Tag im weltgrößten Forschungszentrum für Teilchenphysik bei Genf, geführt von ÖsterreicherInnen, die am CERN forschen.

Am 5. Oktober besuchten hochrangige Vertreter des Wiener Wissenschafts - und Technologiefonds (WWTF) den CERN, darunter der Vorstand Bürgermeister Dr. Häupl, Vizebürgermeisterin Mag. Brauner, dem ehemaligen Rektor der Universität Wien, Prof. Winkler und weitere zahlreiche Führungspersönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, etwa der Nationalratsabgeordnete Prof. van der Bellen, Botschafter Dr. Strohal und Gesandter Dr. Spitzer. Nach einer Einführung in die Aufgaben des CERN durch die Leiterin für Internationale Beziehungen, Prof. Pauss, wurde in einer angeregten Diskussion mit dem CERN-Generaldirektor Prof. Heuer Aspekte des CERN und der Teilchenphysik, unter Betonung österreichischer Beiträge diskutiert.

Danach gab es einen Überblick über die CERN-Beschleuniger durch leitende Österreicherinnen mit Schwerpunkt Large Hadron Collider (LHC); der Neutrino-Strahl zum Gran Sasso durfte angesichts der spektakulären Ergebnisse zur Neutrino-Geschwindigkeit nicht fehlen. Klarer Schwerpunkt war das Großexperiment Compact Muon Solenoid (CMS): Forschungsprogramm, österreichische Beiträge, Führung durch das CMS-Kontrollzentrum mit Erklärung der Triggertechnologie und Auslese-Elektronik, Besichtigung der Service-Kaverne mit Wiener Elektronik, und Besichtigung des durch den Film 'Illuminati' berühmt gewordenen Iris-Scanners. Auf ein leichtes Mittagessen, das vielseitige Gespräche förderte, folgte eine sehr interessante Führung zu Antimaterie-Experimenten, im Besonderen ASACUSA, AeGIS und der Therapie mit Antiprotonen. Die anschließende Führung durch das CERN-Rechenzentrum, mit Erklärung des weltweit verteilten GRID-Computing, wurde durch eine Live-Schaltung zum HEPHY-CMS-Kontrollraum in Wien aufgelockert. Den Abschluss des Besuchs bildete die Multimedia-Schau im Globe: Origin of the Universe, bevor die Besucher zum Ursprung ihrer Reise zurückkehrten - bereichert um Einblicke in die Erforschung der kleinsten Bausteine der Materie und die Aufgaben der österreichischen FoscherInnen am CERN.

12. Oktober 2011

Gerardus 't Hooft

Der Nobelpreisträger Gerardus 't Hooft, der sich dieser Tage aus Anlass des 6. Wiener NobelpreisträgerInnen-seminars in Wien befindet, hat in einem Interview mögliche Szenarien bei der Suche nach dem Higgs-Boson beleuchtet. Zur gleichen Zeit wird erwartet, dass die großen LHC Experiment bis Ende des Jahres bis zu 10 inverse Femtobarn an Daten aufzeichnen werden und dadurch einen signifikanten Fortschritt bei dieser Suche erzielen.

Im üblichen Standardmodell der Teilchenphysik gibt es nur ein einziges Higgs-Teilchen, das für die Erzeugung der Masse  verantwortlich ist. Das ist aber nur ein möglicher Ansatz. Für den Fall, dass die Natur kompliziertere, aber durchaus mögliche, Szenarien realisiert hat, könnte die Suche noch weitere Jahre dauern. Es ist aber auch nicht ausgeschlossen, dass überhaupt kein Higgs-Boson existiert: So ein Widerspruch zwischen der Erwartung und der Beobachtung wäre ein Hinweis auf vollkommen neue Phänomene. Mit den Worten des Nobelpreisträgers: Wenn das auch jetzt so ist, wird ein junger Physiker - heute unbekannt, aber morgen berühmt - es für uns finden.

Die Suche nach dem Higgs-Boson ist auch eines der Ziele des CMS Experiments am LHC (Large Hadron Collider). Der Stand der Suche wurde im Rahmen von internationalen Konferenzen im Sommer dieses Jahres diskutiert. In einem Großteil des Massenbereichs zwischen 145 und 400 GeV/c2 - das entspricht ungefähr dem 150 bis 420-fachem der Protonenmasse - kann man die Existenz dieses Teilchen schon ausschließen. Damit bleibt im Wesentlichen ein Massenbereich zwischen 145 GeV/c2 und der bestehenden experimentellen unteren Grenze von 114 GeV/c2 offen. Dies ist genau der Bereich, der durch experimentelle Hinweise als der wahrscheinlichste gilt. Er ist aber experimentell besonders schwierig, da sich nur ein sehr kleiner Teil der Zerfälle klar von Untergrundprozessen unterscheiden lässt. Den Experimentatoren hilft dabei die ausgezeichnete Funktionsweise des LHC mit ständig steigenden Kollisionsraten. Die sogenannte integrierte Luminosität, eine Messgröße der gesamten erzeugten Zahl von Kollisionen, hat einen Wert von 4.23 inversen Femtobarn erreicht und entspricht einer Gesamtzahl von ca. 4*1014 Kollisionen. Man kann damit rechnen, dass die beiden großen Experimente ATLAS und CMS heuer insgesamt bis zu 10 inverse Femtobarn Daten nehmen werden, entsprechend nahezu 1015 Kollisionen beobachten werden.

Für endgültige Aussagen werden noch weitere Analysen und Daten nötig sein. Dennoch scheint der Moment, in dem die Suche nach dem Standardmodell Higgs-Boson abgeschlossen werden kann, näher zu rücken: das Resultat wird eine Entdeckung des Teilchens oder der Nachweis seiner Nichtexistenz sein.

Gerardus 't Hooft

Interview Gerardus 't Hooft in der Presse

NobelpreisträgerInnenseminar

CMS delivers 4 Femtobarn


22. September 2011

"Most Artistic Poster Award from CMS" für junge HEPHY Wissenschaftlerin Ilse Krätschmer.

Cern verkündete kürzlich ein Projekt, Kunst und Wissenschaft zu vereinen. Erstes konkretes Ergebnis ist die Zusammenarbeit bei der Ars ELECTRONICA 2011 in LINZ, wo Cern sein Forschungspotential darstellt und in den Dialog mit Kunst und ihren Repräsentanten eingetreten ist.


Poster sind eine wichtige Ergänzung zu mündlichen Konferenzbeiträgen, wo meist ausführlich eine Einzelperson ihre Ergebnisse präsentieren kann.
Ilse Krätschmer, erst seit 7 Monaten in ein QUARKONIA Projekt des HEPHY eingetreten und bereits ein wichtiges Mitglied einer kleinen Forschungsgruppe, hat die Darstellung heikler Polarisationsmessungen des J/Psi Teilchens auf innovative Art auf ihrem Poster gezeigt.  Gab es bisher nur 2 dimensionale  farbenreiche Flächen, wurden diesmal  EXTRADIMENSIONs eingesetzt:  Auf Styropor-Panelen wurden letzte Forschungsergebnisse herausragend in der 3. - extra Dimension - interesseverstärkend aufgeklebt - leicht austausch und veränderbar - wie es experimentelle Fortschritte erfordern. Im Stile von Franz West, Daniel Spoerri und Beuys wurden sogar reale bekannte Gegenstände - wie eine Erdnuss - sinnverbindend zu gedachten künstlichen mathematisch physikalischen Objekten eingearbeitet.
Das Institut gratuliert zu dem "Most Artistic Award" durch die  CMS Kollaboration, die Innovation und dem kleinen wohlverdienten Sachpreis, errungen gegen etwa 40 Mitberwerbern.
Man darf gespannt auf die weitere Entwicklung von Ilse im Spannungsfeld von Art und Science sein.

12. September 2011

Teilchenkollisionen im Deep Space

CERN und Teilchenphysik waren die großen Themen am diesjährigen Ars Electronica Festival - das HEPHY war eine Woche lang dabei, mit einem 3D-Film im "Deep Space", Workshops - und vor allem auch als Ansprechpartner für viele interessierte BesucherInnen.

Jeweils zweimal täglich gab es eine Vorführung des neuen CERN 3D-Films "Inside_LHC" im Deep Space, live kommentiert von Wissenschaftlern, sowie Workshops für Kinder und Jugendliche rund um unser Highlight - die Funkenkammer! Neben viel rein virtuellem am Festival zeigte sie live echte Myonen aus der kosmischen Strahlung, und bewies so, dass man nicht zum CERN reisen muss, um exotische Teilchen zu erleben.


Neben diesen Aktivitäten standen wir für die zahlreichen Fragen der Besucher zur Verfügung, denen wir Antworten aus erster Hand geben konnten. 


Weitere Impressionen

25. August 2011

Jugendliche bauen einen Teilchendetektor aus einer Kaffeedose

Jede Menge Spannendes über "Teilchen & Kosmos" bietet das Institut für Hochenergiephysik (HEPHY) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Von 31. August bis 6. September 2011 hält das HEPHY Workshops zum Thema "Kosmische Strahlung" ab und ermöglicht damit Einblicke in das Universum kurz nach dem Urknall. Diese Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche werden bei u19 CREATE YOUR WORLD im Rahmen der Ars Electronica in Linz stattfinden.

Unter der Anleitung von HEPHY-Wissenschaftlern basteln Kinder und Jugendliche aus Alltagsgegenständen wie z.B. einer Kaffeedose einen Teilchendetektor. "Schon mit ganz einfachen Mitteln kann man ein Messgerät bauen. Durch diesen anschaulichen Zugang wollen wir zeigen, wie verständlich und spannend Physik ist." sagt HEPHY-Mitarbeiter Dr. Markus Friedl.

Zu sehen und zum Anfassen gibt es weitere Experimente zur kosmischen Strahlung  wie etwa eine Funkenkammer, die den ständigen "Regen" von kosmischen Teilchen sichtbar macht, eine Plasmakugel mit "Lichtschwertern" sowie den brandaktuellen 3D-Film "Inside LHC" mit hautnahen Einblicken in den größten Teilchenbeschleuniger der Welt am CERN. So können die zukünftigen ForscherInnen schon einmal einen Blick hinter die Kulissen eines Wissenschaftsbetriebes werfen.

Informationen zum Programm: http://www.aec.at/cyw2011/2011/07/21/teilchen-kosmos

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